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...das Modem mit
langen Wellen.



 
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Einleitung oder Was soll das eigentlich?


Mein erstes Modem habe ich mir am 30. April 1993 gekauft. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil dieser Tag viel in meinem Leben veränderte. Es war ein Zyxel 1496 Plus, und es war schweineteuer. Zum Ausgleich hat ein Terminalprogramm gefehlt, und der Telefonstecker war falsch verdrahtet. Kurz: Die üblichen Geburtswehen begleiteten auch mich. Zwei Tage, etliche Wutanfälle und eine auseinandergeschraubte Telefondose später lief alles, und ich wählte mich zum ersten Mal in eine Mailbox ein.

Was war ich aufgeregt. Alles so bunt, neu, schnell. Es gab viel zu entdecken. In der TZ fand ich die Münchner Mailboxliste, und die CEUS-Mailbox nahm mich eines schönen Sonntagnachmittags freundlich als neuen User auf. So stöberte ich durch die Mailbox, saugte regelmäßig Programme und stellte sie in Zeitschriften vor. Ich tauschte meine Artikel per Modem mit den Redaktionen aus und schrieb hunderte von Modem-Tips. Selbst die hochgeschnellte Telefonrechnung konnte meine Online-Begeisterung nicht bremsen.

Es war ein verregneter Montagabend, als ich meinen üblichen Besuch in der CEUS-Mailbox beendete und mich über die Logoff-Funktion abmeldete. Da sah ich diese Hinweisseite: Chatten. Acht Leitungen. Leute kennenlernen. Das mußte ich sehen. Das wollte ich ausprobieren. Und ich wählte die 4-4-8-8-2-2-7 und kam in der "Chatline" heraus. Das Wetter frustrierte offenbar noch eine weitere Handvoll Modembesitzer, denn ich war nicht allein in der Mailbox und traf somit auf Gleichgesinnte, die mich mit dem Chat bekanntmachen. Da konnte ich mich mit anderen unterhalten. Das fand ich cool, das war neu und spannend. Ich lernte Night kennen (heute: Moonchild), Chippie und seine Schwester Kathi, Maverick und Bull Harley, und wir chatteten drei, vier Stunden am Stück. Manchmal schon tagsüber, manchmal den ganzen Abend lang. Oder die ganze Nacht. Ständig tauchten neue Namen auf. Wir redeten über Gott und die Welt, über Belangloses und Persönliches, über Oberflächliches und über Intimes. Wir fühlten uns als Pioniere, die ein neues Medium eroberten. Und wir wollten nicht nur online die Zeit miteinander verbringen. Schnell folgten die ersten kleineren Usertreffen mit einer Handvoll Hardcore-Chattern. Die ersten Freundschaften wurden geschlossen, Dates und Liebschaften ließen nicht lange auf sich warten.

Eine turbolente Zeit kam. Night entwarf neue Online-Designs und Jörg grübelte laut über die Frage nach, wie sich denn der Ansturm auf seine Chatline finanzieren lassen würde. Überdies mußte ein neuer Name her, denn der Begriff "Chatline" wurde bereits von etlichen Anbietern von Sextelefonaten breitgetreten - "StadtNet" erschien da prägnanter und weniger verfänglich. Münchens Graffitikünstler Loomit entwarf ein quietschbuntes Logo, und zum ersten offiziellen Usertreffen im Winter 1993 präsentierte das StadtNet-Team das ebenso offizielle T-Shirt: "I zapped the sysop". Dem zwischenzeitlichen Ansturm waren die acht Leitungen nicht mehr gewachsen, und die nächsten acht mußten her. Es sollten noch lange nicht die letzten Neuanschlüsse sein. Monatlich trugen Jörg und Michael die wenigen Usergebühren zum Computerhändler und wurden dessen beste Kunden für Modems. Telekom-Bagger rissen die Straße auf, Techniker gaben sich die Klinke in die Hand, um neue Leitungen zu installieren, und der Postbote stöhnte zunehmend über das Gewicht der einzelnen Telefonrechnungen. Computer- und Publikumszeitschriften wurden auf das StadtNet aufmerksam, Fernsehen und Radio meldeten sich zu Interviews und Reportagen an. Das StadtNet brummte.

Als ich vor sechs Jahren nach München zog, mußte ich mir in mühevoller Kleinarbeit einen neuen Freundeskreis aufbauen. Zwei Jahre später begegneten mir im StadtNet täglich ein paar Dutzend neue Gesichter, die alle das gleiche im Kopf hatten: Schnell und unkompliziert neue Menschen kennenlernen zu wollen. Ich war nicht mehr allein. Aus Bekanntschaften wurden Freunde, aus dem einen oder anderen Blind Date eine Freundin. So mancher hat dabei die Dynamik des Mediums unterschätzt und nicht mehr klar genug zwischen Online-Welt und dem realen Leben getrennt. Das ging mir in meiner Hochphase des Chattens nicht anders. Das getippte Wort wurde bare Münze, Cliquen bildeten sich, und handfeste Komplikationen ließen nicht lange auf sich warten. Nicht nur Freunde und Freundinnen ließen sich im StadtNet finden, auch für Meinungsverschiedenheiten und Intrigen war Platz. Schließlich waren wir alle online, weil wir etwas zu sagen hatten. Und den Umgang mit dem Online-Medium mußten wir erst lernen. Großmäuler und Hacker machten den Sysops das Leben schwer. Zwei der ehemals größten Online-Rabauken - sie nannten sich die "Paranoiden Makroterroristen" - gehören heute zu meinen besten Freunden. Seinerzeit haben wir uns bis aufs Blut bekämpft.

Fünf Jahre chatte ich nun, und über drei Jahre davon habe ich als Sysop im CEUS-Team gearbeitet. Und wenn man mich fragt, was mir am nachhaltigsten davon in Erinnerung blieb, antworte ich: die vielen interessanten Menschen, denen ich in der Zeit begegnete. Und seit fünf Jahren kenne ich die Diskussionen über das jedesmal unmittelbar bevorstehende Ende des StadtNet. Mal waren die Usergebühren der Stein des Anstosses, mal der Ausbau um neue Leitungen, dann die Zuschaltung öffentlicher Chat-Terminals. Doch das StadtNet lebt noch immer, und auch der Umzug ins Internet wird daran nichts ändern. Geändert hat sich nur die Technik, nicht die Menschen, die sie benutzen. Und ein Stück dieser Technik, die mitgeholfen hat, viele Menschen zusammenzubringen, ist nun in den vorzeitigen Ruhestand getreten. Nach der Internet-Anbindung des StadtNet suchen jetzt 72 härtegetestete Modems ein neues Zuhause. Modems, die über anderthalb Millionen Anrufe zum StadtNet entgegengenommen haben. Nicht mehr als ein paar hundert Gramm Metall, Dioden und Chips, und doch tragen sie ein Stück Online-Geschichte in sich. Auf diesen Modems hat Yoshi lange vor dem Rivalnet über die StadtNet Game-Connection seine Gegner in 3D-Spielen gemeuchelt. God und Freud haben ihre legendäre ANSI-Penis-Animation über eines der Modems in die Foren hochgeladen, und Adler und Dorli sind sich hier über den Weg gelaufen, ehe sie die neu gewonnene Zweisamkeit mit einem Kind krönten. Wigald Boning und Olli Dittrich, Shaggy und The Bates chatteten über die Modems mit Freunden und Feinden im StadtNet, und Radio Gong nahm über die StadtNet-Datenschleudern die Musikwünsche entgegen, um sie im Abendprogramm zusammen mit Grüßen zu senden. Didi organisierte über das StadtNet wöchentliche All You Can Eat Usertreffs im Pizzahut - und kassierte ebenso viele Hausverbote für das gute Benehmen seiner Gäste. Auch den Wirt des Zoozie´z stellten die StadtNet-Gäste vor Probleme: Angelockt von Easy Listening/House-Mix des Power-Chatters Armando strömten am wenig besuchten Sonntagabend fortan Dutzende von Usern in die Kneipe - die Zahl von 78 StadtNet-Gästen aus dem Sommer 1996 gilt noch heute als offizieller Rekord für eine spontane Zusammenrottung. Rekordverdächtig auch die Großzügigkeit von Schnitz: Anläßlich eines Usertreffens im Munichs First Diner, das zufälligerweise auf seinen Geburtstag fiel, spendierte er drei (!) Liter Limes für die StadtNet-Gäste. "Man wird nur einmal 18!" Ob Rapper Coolio gewußt hat, welche Party gerade im Gange war, als er kurz vor Mitternacht dort auftauchte? Er war wahrscheinlich genauso überrascht wie wir.

Möglich gemacht haben das eine clevere Geschäftsidee, eine leistungsfähige Chat-Software - und ein paar Dutzend unscheinbarer Modems. Deswegen werde ich mir eines davon sichern. Meine Enkelkinder sollen später einmal wissen, was der senile Opa meint, wenn er wieder von der "Schlacht ums ANSI-Banner" erzählt und vom "v.32bis Handshake" schwärmt...

Peter Braun

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